Die Geschichte der Schweizer Gesellschaft Wien
Die Schweizer Gesellschaft Wien kann auf eine Geschichte von über 130 Jahren zurückblicken. 1868 wurde der "Allgemeine Schweizer Verein" in Wien gegründet. Näheres über den Vorgänger der Schweizer Gesellschaft ist nicht bekannt, weil die Akten verschollen sind. Er scheint aber alles andere als erfolgreich gewesen zu sein. Im einzigen erhaltenen Tätigkeitsbericht aus dem Jahr 1888 ist von 46 Aktivmitgliedern die Rede, wobei der Vorstand sich über deren mangelnde Zahlungsmoral beklagte. Man beschloss, die Namen der Schuldner im Jahresbericht zu veröffentlichen. Der Bericht sprach von Ausgaben für Silvesterfeiern, Tanzkränzchen und Pfingstausflüge. Man hatte das satirische Blatt "Nebelspalter" und den "Gruss aus der Heimat" abonniert und zahlte auch "diverse Almosen an durchreisende Handwerksburschen".
Scheinbar ging es mit dem "Allgemeinen Schweizer Verein" jedoch zu Ende, denn der damalige Gesandte Aepli lud am 1. April 1892 zur Neugründung ein. Die Schweizer Gesellschaft Wien entstand. Durch das übernehmen der Vereinskasse von 54 Gulden wurde sie zum offiziellen Nachfolger des "Allgemeinen Schweizer Vereins".
Über die restliche Zeit der Jahrhundertwende ist wenig bekannt. Nur aus dem Jahr 1895 weiss man, dass die Schweizer Gesellschaft 70 Mitglieder hatte und am Sängertreffen in Inzersdorf teilnahm. Ab 1913 wurde das Schicksal des Vereins dann 26 Jahre lang von einem Mann geprägt: Dem Präsidenten Otto Reinle, wegen seiner väterlichen Erscheinung und dem weissen Vollbart auch "Papa Reinle" genannt. Er sorgte dafür, dass die Auslandschweizer in Wien während der Not des Ersten Weltkriegs zusammenhielten, und organisierte im letzten Kriegjahr eine Hilfsaktion. In der Zwischenkriegszeit konnte sich die Schweizer Gesellschaft mit zwei weiteren Schweizervereinen verbinden, die wenige Jahre zuvor entstanden waren: der Wiener Sektion der Neuen Helvetischen Gesellschaft und dem Verein Helvetia. 1936 zählte die Schweizer Gesellschaft 170 Mitglieder.
Mit dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland begann auch für die Schweizer Gesellschaft eine schwere und bewegte Zeit. Die Gesandtschaft der Schweiz in Wien wurde in ein Generalkonsulat umgewandelt. Die reduzierte diplomatische Belegschaft war dankbar für die Rundschreiben der Gesellschaft, die für viele Schweizer eine wichtige Informationsquelle wurden. Glücklicherweise war der Verein nicht vom Gleichschaltungsgesetz des Dritten Reichs betroffen. Während die meisten Vereine zu NS-Institutionen umfunktioniert wurden, blieb die Schweizer Gesellschaft verschont, weil ihr nur Ausländer angehörten. Die Rundschreiben des Vereins rief alle Landsleute auf, sich nicht politisch zu betätigen. Besonders der Beitritt von jungen Auslandschweizern zweiter Generation zur Hitlerjugend wurde als "unschweizerisch" gebrandmarkt - auch wenn auf ihnen ein grosser Gleichschaltungsdruck lastete. Der Vorstand bemühte sich gleichzeitig erfolgreich um Hilfe aus der Heimat, nachdem man sich zunächst von den Bundesbehörden im Stich gelassen fühlte. Auf diese Kontakte konnte man dann während des Krieges zurückgreifen, als die Schweizer Gesellschaft kontinuierlich Hilfsaktionen für die Landsleute in Wien organisierte. Das begann mit Schokolade zu Weihnachten und einer Äpfelaktion oder einem Netzwerk von Meldestellen nach Bombenangriffen im vierten Kriegsjahr. 1945 bestellte die Schweizer Gesellschaft zunächst Glas aus der Schweiz, um die zerstörten Wohnungsfenster der Mitglieder zu reparieren. Noch bis ins Jahr 1951 nahm die Schweizer Gesellschaft Lebensmittellieferungen aus der Schweiz in Empfang und organisierte die Verteilung an die 1000 Landsleute in Wien, nachdem die Sowjets 1945 das Schweizer Konsulat schlossen. 1946 allein verteilte man zehn Eisenbahnwagen voller Lebensmittel und 353 Paar Schuhe.
An der 1.-August-Feier von 1948, der ersten nach dem Krieg, nahmen 600 Personen teil. Im selben Jahr fand auch die erste Delegiertentagung aller Schweizervereine Österreichs statt. Drei Jahre später hatte die Schweizer Gesellschaft noch immer über 400 Mitglieder. 1962 konnte man das eigene Vereinslokal am Neuen Markt 4 eröffnen. Möglich gemacht wurde das Lokal durch das Entgegenkommen der SBB und die Grosszügigkeit vieler Schweizer Firmen. Man entschloss sich, ein eigenes Sekretariat zu führen und die entstehenden Mehrkosten durch die Zulassung von fördernden und juristischen Mitgliedern zu decken. Ein Jahr später zählte man 583 Mitglieder.
1968 konnte die Schweizer Gesellschaft ihr 100jähriges Jubiläum feiern. Zu diesem Anlass wurde auch die bisherige Geschichte des Vereins aufgeschrieben.